Wer auf die Mathematik-Rangliste der PISA-Studie 2025 schaut, sieht oben ein vertrautes Bild. Weltweit führen Singapur und chinesische Regionen, unter den 38 OECD-Ländern liegen Japan mit 525 Punkten und Korea mit 522 Punkten vorne. Die Schweiz folgt mit 499 Punkten auf Platz 4, hinter Estland. Viele Eltern fragen sich: Was machen Japan und Korea anders? Und ist es die viele Nachhilfe?

Kurzfassung

Das Wichtigste in Kürze

  • Korea war in allen neun PISA-Runden seit 2000 unter den zwei besten OECD-Ländern in Mathematik. Seit 2012 teilen sich Japan und Korea die Plätze 1 und 2.
  • Die stärksten Belege zeigen auf den Unterricht: ein sehr ruhiges Unterrichtsklima, kaum Ablenkung durch Handys und Lehrpersonen, die sich um jedes Kind kümmern.
  • Nachhilfe ist in Korea allgegenwärtig, 75,7 % der Schulkinder nehmen sie. Laut Forschung ist sie aber nicht der Hauptgrund: Japan liegt schon in der 4. Klasse vorne, bevor viele Kinder eine Nachhilfeschule besuchen.
  • Der Erfolg hat einen Preis: 22 % der koreanischen 15-Jährigen sind mit ihrem Leben unzufrieden.
  • Übernehmen lassen sich Ruhe beim Lernen, früh gesicherte Grundlagen und das Besprechen von Lösungswegen. Nicht übernehmen sollte man Dauerdruck.

Die Rangliste: seit 25 Jahren an der Spitze

Bei PISA gibt es in Mathematik zwei Ranglisten, die man auseinanderhalten sollte. Weltweit liegen seit 2009 Singapur und chinesische Regionen vorne, 2025 angeführt von Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang mit 612 Punkten. Unter den 38 OECD-Ländern, zu denen auch die Schweiz gehört, dominieren seit Jahren zwei Länder: Korea war in allen neun PISA-Runden seit 2000 unter den ersten zwei, und seit 2012 teilen sich Japan und Korea die Plätze 1 und 2 ohne Unterbruch. 2003 und 2006 lag Finnland an der Spitze, 2025 ist es auf Platz 17 zurückgefallen.

OECD-Rang in Mathematik 2000 bis 2025: Korea in jeder Runde unter den ersten zwei, Japan seit 2012 Platz 1 oder 2, Estland seit 2018 Platz 3, Schweiz 2025 Platz 4 1. 3. 5. 7. 9. 11. 2000 2003 2006 2009 2012 2015 2018 2022 2025 2. Korea 1. Japan 3. Estland 4. Schweiz
OECD-Rang in Mathematik in jeder PISA-Runde, 1 = bester Wert. Rang unter den heutigen 38 OECD-Ländern, berechnet aus den OECD-Mittelwerten; Estland nimmt seit 2006 teil. Quelle: OECD, PISA 2000 bis 2025.
Alle OECD-Spitzenplätze seit 2000 als Tabelle anzeigen
RundePlatz 1Platz 2Platz 3Schweiz
2000Japan 557Korea 547Neuseeland 5377
2003Finnland 544Korea 542Niederlande 5387
2006Finnland 548Korea 547Niederlande 5314
2009Korea 546Finnland 541Schweiz 5343
2012Korea 554Japan 536Schweiz 5313
2015Japan 532Korea 524Schweiz 5213
2018Japan 527Korea 526Estland 5236
2022Japan 536Korea 527Estland 5104
2025Japan 525Korea 522Estland 5084

Die Schweiz ist seit 2006 immer unter den besten sechs OECD-Ländern, von 2009 bis 2015 sogar auf Platz 3. 2025 steht sie mit 499 Punkten auf Platz 4. Die ganze Schweizer Einordnung steht im Artikel PISA-Studie 2025: Was die Schweizer Ergebnisse für Ihr Kind bedeuten.

Grund 1: Ruhe im Unterricht

PISA fragt die Jugendlichen, wie oft der Unterricht gestört wird, ob sie gut arbeiten können und ob die Lehrperson lange warten muss, bis Ruhe herrscht. In PISA 2022 meldeten Jugendliche in Japan und Korea das günstigste Disziplinklima im Mathematikunterricht, so die Auswertung des australischen Bildungsforschungsinstituts ACER. In Korea sagten nur 9 % der Jugendlichen, sie könnten in den meisten Lektionen nicht gut arbeiten. Im OECD-Durchschnitt waren es 23 %.

PISA 2025 zeigt dasselbe Bild beim Handy. Im OECD-Durchschnitt berichten 28 % der Jugendlichen, dass Mitschülerinnen und Mitschüler in den meisten Naturwissenschaftslektionen durch digitale Geräte abgelenkt sind. In Japan und Korea sind es weniger als 10 %.

Für die Schweiz ist das mehr als eine Randnotiz. Im nationalen Bericht zu PISA 2025 ist die Disziplin im Unterricht der Faktor, der am stärksten mit höheren Leistungen zusammenhängt, noch vor der kognitiven Aktivierung und der Unterstützung durch die Lehrperson.

Grund 2: Wer unterrichtet

Korea wählt künftige Primarlehrpersonen aus den besten 5 % eines Jahrgangs aus, Finnland aus den besten 10 %. Das hielt die viel zitierte McKinsey-Studie über die besten Schulsysteme der Welt 2007 fest. Der Beruf ist angesehen, die Ausbildungsplätze sind begehrt.

Die Jugendlichen spüren das im Unterricht. In Korea sagen 72 %, dass sich die Lehrperson in den meisten Mathelektionen für das Lernen jedes Kindes interessiert, im OECD-Durchschnitt 63 %. 75 % erleben, dass die Lehrperson zusätzlich hilft, wenn jemand nicht weiterkommt, im OECD-Durchschnitt 70 %. Beide Anteile sind in Korea seit 2012 gestiegen.

unter 10 %
der Jugendlichen in Japan und Korea melden Ablenkung durch Handys im Unterricht (OECD 28 %)
9 %
der Jugendlichen in Korea können in den meisten Mathelektionen nicht gut arbeiten (OECD 23 %)
72 %
der Jugendlichen in Korea erleben Lehrpersonen, die sich für das Lernen jedes Kindes interessieren (OECD 63 %)

Quellen: OECD, PISA 2025 Results (Volume I), S. 28; OECD, PISA 2022 Factsheet Korea.

Grund 3: Eine Aufgabe, mehrere Wege

Japan ist für eine bestimmte Art von Mathelektion bekannt. Die amerikanischen Forscher James Stigler und James Hiebert haben sie in der TIMSS-Videostudie untersucht, für die Mathematiklektionen der 8. Klasse in Deutschland, Japan und den USA gefilmt wurden. Ihr Buch «The Teaching Gap» beschreibt das «strukturierte Problemlösen»: Die Klasse beschäftigt sich eine ganze Lektion lang mit einer einzigen, gut gewählten Aufgabe. Die Kinder probieren eigene Wege, dann vergleicht die Klasse die Lösungen, und die Lehrperson fasst zusammen, was man daraus lernt.

Dazu kommt die «Lesson Study»: Lehrpersonen planen Lektionen gemeinsam, beobachten sie im Unterricht einer Kollegin und verbessern sie. So wird guter Unterricht nicht dem Zufall überlassen, sondern systematisch weitergegeben.

Kein Zufall der Testmethode

Man könnte einwenden, PISA messe nur eine bestimmte Art von Aufgaben. Doch auch die Studie TIMSS, die näher am Lehrplan prüft, sieht dieselben Länder vorne: In TIMSS 2023 erreichten in der 8. Klasse Singapur, Taiwan, Korea und Japan die höchsten Durchschnittswerte in Mathematik, Korea zum Beispiel 596 Punkte. Der Vorsprung zeigt sich also über verschiedene Tests und Schulstufen hinweg.

Ist Nachhilfe das Geheimnis?

Die Zahlen sind eindrücklich. In Korea nahmen 2025 laut Bildungsministerium 75,7 % aller Schulkinder privaten Zusatzunterricht, etwa in privaten Lernschulen, den Hagwons. Die Familien gaben dafür 27,5 Billionen Won aus, umgerechnet rund 17 Milliarden Franken. Pro teilnehmendem Kind waren es im Schnitt 604'000 Won im Monat, rund 370 Franken. Auch in Japan sind private Nachhilfeschulen, die Juku, vor den Aufnahmeprüfungen verbreitet.

75,7 %
der Schulkinder in Korea nehmen privaten Zusatzunterricht (2025)
17 Mrd.
Franken gaben koreanische Familien 2025 für Nachhilfe aus (27,5 Billionen Won)
4. Klasse
so früh liegt Japan in Mathe schon vorne, bevor viele Kinder eine Juku besuchen

Quellen: Koreanisches Bildungsministerium und Statistikbehörde, Erhebung 2025 (März 2026); Rappleye und Komatsu (2020). Frankenbeträge gerundet, umgerechnet zum Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 11. September 2026.

Trotzdem kommen Bildungsforscher zu einem klaren Schluss: Nachhilfe erklärt den Vorsprung nicht. Jeremy Rappleye und Hikaru Komatsu von der Universität Kyoto zeigen, dass japanische Kinder schon in der 4. Klasse sehr hohe Leistungen erreichen, obwohl in diesem Alter nur wenige eine Juku besuchen. Der Soziologe Hyunjoon Park findet, dass der Anteil der Nachhilfeschüler in einem Land kaum mit dem Landesdurchschnitt zusammenhängt. Die Stärke Ostasiens liegt eher darin, dass auch die schwächeren Schülerinnen und Schüler viel können.

Unsere Lesart als Nachhilfeanbieter: Das deckt sich mit dem, was die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung schon 2014 festhielt. Dauernde Nachhilfe bringt wenig. Sie hilft, wenn sie eine konkrete Lücke schliesst und das Kind wieder selbstständig macht. Guten Unterricht ersetzt sie nicht.

Der Preis des Erfolgs

Die Spitzenplätze haben Schattenseiten. In Korea gaben bei PISA 2022 22 % der 15-Jährigen an, mit ihrem Leben nicht zufrieden zu sein, im OECD-Durchschnitt 18 %. Die Ausgaben für Nachhilfe belasten die Familien, und der Druck beginnt früh: Am stärksten sind in den letzten zehn Jahren die Ausgaben für Primarschulkinder gestiegen. Wer von Japan und Korea lernen will, sollte deshalb genau hinschauen, was sich übertragen lässt.

Was Schweizer Eltern übernehmen können

  1. Ruhe schaffen. Eine feste Lernzeit von 45 Minuten, das Handy liegt in einem anderen Raum. In der Schweiz hängt Disziplin im Unterricht am stärksten mit guten Leistungen zusammen, und Japan und Korea haben das ruhigste Unterrichtsklima.
  2. Grundlagen früh sichern. Lücken bei Brüchen, Prozenten und Gleichungen wachsen mit jedem Schuljahr. Japans Vorsprung zeigt sich schon in der 4. Klasse.
  3. Lösungswege besprechen. Fragen Sie «Wie bist du darauf gekommen?» und «Geht es auch anders?», statt nur das Resultat zu prüfen. So arbeitet der japanische Mathematikunterricht.
  4. Hilfe gezielt statt dauernd. Bei einer Lücke zuerst mit der Lehrperson sprechen, dann Stützkurs oder Einzelnachhilfe mit einem klaren Ziel. Ist das Ziel erreicht, ist die Nachhilfe fertig.

Nicht übernehmen sollte man Dauerdruck und Nachhilfe als Pflichtprogramm für alle. Die koreanischen Zahlen zur Lebenszufriedenheit zeigen, was das kosten kann.

Was die Zahlen nicht sagen

  • Keine Kausalität. Die Befunde zeigen Zusammenhänge. Ob Ruhe im Unterricht die Leistung steigert oder gute Klassen einfach ruhiger sind, lässt sich mit PISA nicht trennen.
  • Kultur lässt sich nicht kopieren. Erwartungen, Prüfungssysteme und Familienbudgets sind in Japan und Korea anders als in der Schweiz.
  • Ränge sind unscharf. Benachbarte Plätze unterscheiden sich oft nicht signifikant. Aussagekräftiger sind Gruppen: Ostasien vorne, dann Estland und die Schweiz.

Grafik zum Einbetten: Die Ranggrafik gibt es als PNG und SVG mit Embed-Code, frei verwendbar unter CC BY 4.0, auf Medien & Daten. Anfragen über das Kontaktformular.

Quellen

  1. OECD (2026): PISA 2025 Results (Volume I). Mittelwerte in Tabelle I.1, digitale Ablenkung auf S. 28.
  2. Erzinger, A. B., Pham, G., Denecker, C. und Salvisberg, M. (Hrsg.) (2026): PISA 2025. Die Schweiz im Fokus. Universität Bern.
  3. OECD (2023): PISA 2022 Results, Factsheet Korea (Unterstützung, Disziplin, Lebenszufriedenheit).
  4. ACER Teacher Magazine: Expert Q&A: PISA 2022, the impact of school experiences on student performance (Disziplinklima).
  5. TIMSS & PIRLS International Study Center (2024): TIMSS 2023 International Results, 8. Klasse Mathematik.
  6. Barber, M. und Mourshed, M. (2007): How the world's best-performing school systems come out on top. McKinsey & Company.
  7. Stigler, J. W. und Hiebert, J. (1999): The Teaching Gap. Free Press.
  8. Rappleye, J. und Komatsu, H. (2020): Is shadow education the driver of East Asia's high performance on comparative learning assessments? Education Policy Analysis Archives, 28.
  9. Park, H. (2013): Re-Evaluating Education in Japan and Korea. Routledge.
  10. Koreanisches Bildungsministerium und Statistikbehörde: Erhebung zu den privaten Bildungsausgaben 2025, veröffentlicht am 12. März 2026, berichtet von Korea JoongAng Daily; Zehnjahresvergleich: The Korea Herald.
  11. Ränge 2000 bis 2022: OECD-Mittelwerte je Runde, zusammengestellt in den Ergebnistabellen auf Wikipedia; Rang berechnet unter den heutigen 38 OECD-Ländern.

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